11. Oktober 2026 · Buchbesprechung / Rechte der Natur

Wenn der Wald an der Entstehung des Rechts beteiligt ist

Jenny García Ruales untersucht am Beispiel des Kichwa-Volkes von Sarayaku, wie Recht aus Beziehungen zwischen Menschen, Wald und anderen Lebewesen hervorgeht. Ihre Forschung stellt grundlegende Fragen an unser europäisches Rechtsverständnis.

Buchcover von Jenny García Ruales: Living Forest Constitutionalism, transcript Verlag.
Originalcover der besprochenen Monografie von Jenny García Ruales, transcript Verlag.

Hans Leo Bader · 11.10.2026

Was bedeutet es, wenn ein Wald nicht nur Gegenstand des Rechts ist, sondern selbst an der Entstehung von Recht beteiligt ist?

Diese Frage steht im Zentrum des Buches Living Forest Constitutionalism: Indigenous Jurisprudence and Rights of Nature in the Ecuadorian Amazon von Dr. Jenny García Ruales.

Die Autorin untersucht die Rechtsvorstellungen und Rechtspraktiken des indigenen Kichwa-Volkes von Sarayaku im ecuadorianischen Amazonasgebiet. Im Mittelpunkt steht Kawsak Sacha, der lebendige Wald.

Dabei geht es um weit mehr als die rechtliche Anerkennung eines Ökosystems. Nach dem Verständnis Sarayakus, das die Autorin rekonstruiert, ist der Wald nicht allein natürliche Ressource, schützenswerter Lebensraum oder Gegenstand menschlicher Entscheidungen. Menschen, Tiere, Pflanzen und andere Waldwesen, darunter auch Schutz- und Geistwesen, stehen in Beziehungen zueinander, aus denen Verantwortlichkeiten und rechtliche Ordnungen hervorgehen.

García Ruales macht diese Perspektive zum Ausgangspunkt einer grundlegenden rechtsanthropologischen Untersuchung.

Warum eine eigene Erklärung, wenn die Natur bereits Rechte hat?

Ecuador hat 2008 als erster Staat Eigenrechte der Natur ausdrücklich in seiner Verfassung verankert. Seitdem erkennt die ecuadorianische Verfassung die Natur als Trägerin eigener Rechte an.

Dennoch hat Sarayaku sein Territorium in einer eigenen Erklärung zum lebendigen Wald erklärt: zu einem lebendigen, bewussten Wesen und Träger von Rechten. Die Autorin unterscheidet vier Fassungen dieser Erklärung. Die für die Untersuchung zentrale Fassung wurde 2018 vorgestellt; darin wird der lebendige Wald ausdrücklich als Rechtssubjekt bezeichnet. Frühere Fassungen sind davon zu unterscheiden.

Daraus ergibt sich die zentrale Forschungsfrage: Welchen zusätzlichen Sinn hat eine eigene Erklärung, wenn die staatliche Verfassung bereits Rechte der Natur anerkennt?

Sarayaku selbst gibt darauf mehrere Antworten, die das Buch aufnimmt: weil der Extraktivismus weitergeht, weil Kawsak Sacha die eigentliche Anwendung der Rechte der Natur sei und um die eigene rechtliche Position zu stärken. Die Antwort liegt also nicht einfach in einem weiteren Rechtekatalog.

García Ruales zeigt, dass die Rechtsgestaltung Sarayakus aus einer eigenen Geschichte, eigenen Institutionen und den Beziehungen zum lebendigen Wald hervorgeht. Diese Ordnung lässt sich nicht vollständig durch staatliche Rechtsbegriffe erfassen.

Die Anerkennung der Natur durch den Staat und die Rechtsgestaltung innerhalb einer Gemeinschaft sind deshalb nicht dasselbe. Sie stehen aber auch nicht getrennt nebeneinander: Die Erklärung greift bewusst auf die Verfassung zurück, und Sarayaku strebt zugleich ihre offizielle staatliche Anerkennung an. García Ruales' Theorie entsteht gerade aus dieser Begegnung beider Ordnungen.

Auch die Eigenrechte der Natur, die kollektiven Rechte indigener Völker und das indigene Eigenrecht dürfen nicht miteinander gleichgesetzt werden. Wie spannungsreich ihr Verhältnis sein kann, zeigt das Buch am Beispiel der Jagd.

Recht als gemeinschaftliche Praxis

Besonders aufschlussreich ist García Ruales' Darstellung der tatsächlichen Rechtsgestaltung.

Sie untersucht Versammlungen, gemeinschaftliche Entscheidungen, Rechtsmobilisierung, Rituale und alltägliche Praktiken. Für diese kollektive Arbeit am Recht entwickelt sie den Begriff der legal minga. Er knüpft an die minga an, die gemeinschaftliche Arbeit in Sarayaku, ist aber ein analytischer Begriff der Autorin und keine eigene Institution Sarayakus.

Ein weiteres Beispiel betrifft das Jagdfest Uyantza.

Die Autorin beschreibt Beschlüsse der Generalversammlung vom Februar 2023: Die Festjagd wurde von zwei Wochen auf acht bis zehn Tage verkürzt, jede Jägergruppe soll von Ältesten begleitet werden, und es sollen nur männliche Tiere gejagt werden, während Weibchen mit Nachwuchs zu schonen sind. Zugleich weist sie darauf hin, dass diese Maßnahmen vorläufig sind, nicht schriftlich festgehalten wurden und mündlich überliefert werden.

Dabei geht es nicht allein um Naturschutz im europäischen Verständnis. Jagd, Ernährung, gemeinschaftliche Feste, traditionelles Wissen und die Beziehungen zu Waldwesen stehen in einem Spannungsverhältnis, das immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Die Autorin beschreibt hier ausdrücklich Reibungen zwischen indigenen Rechten und den Rechten der Natur: Was das Fest der Gemeinschaft verlangt und was der Schutz der Tierbestände verlangt, deckt sich nicht von selbst.

Gerade dieses Beispiel macht deutlich, dass eine lebendige Rechtsordnung nicht widerspruchsfrei ist. Sie muss mit konkurrierenden Bedürfnissen, unterschiedlichen Vorstellungen und konkreten Konflikten umgehen.

Recht erscheint damit nicht als abgeschlossener Zustand, sondern als fortlaufende gesellschaftliche Praxis.

Keine romantische Vorstellung indigener Gemeinschaften

Eine besondere Stärke des Buches besteht darin, dass García Ruales Sarayaku nicht als einheitliche Gemeinschaft mit einer unveränderlichen Vorstellung des lebendigen Waldes darstellt.

Sie beschreibt unterschiedliche Positionen, Machtverhältnisse, Konflikte und Veränderungen.

Das ist wesentlich. Wer indigene Rechtsordnungen ausschließlich als Gegenmodell zu westlichen Gesellschaften idealisiert, übersieht ihre innere Vielfalt und ihre tatsächlichen Herausforderungen.

García Ruales vermeidet diese Vereinfachung. Sie berichtet sogar, dass Sarayaku selbst Forschende aufgefordert hat, Kawsak Sacha nicht zu romantisieren.

Bemerkenswert ist auch ihre eigene Rolle im Forschungsprozess. Die Autorin beobachtet nicht nur von außen. Sie hat Sarayaku über Jahre begleitet, an der Ausarbeitung rechtlicher Texte mitgewirkt und versteht ihre Arbeit ausdrücklich als engagierte Wissenschaft.

Diese Nähe eröffnet besondere Einblicke. Sie wirft zugleich methodische Fragen auf: Wie verändern Beteiligung und wissenschaftliche Interpretation einander? Wie werden unterschiedliche Stimmen berücksichtigt? Und wo endet die Beschreibung einer Rechtsordnung und beginnt ihre theoretische Deutung durch die Forscherin?

Die Autorin reflektiert diese Spannungen selbst. Sie bezeichnet ihre Perspektive einerseits als „situiert emisch“, grenzt andererseits den Anspruch ab, selbst eine indigene Innenperspektive einnehmen zu können. Diese begriffliche Spannung verdient eine genauere Erläuterung; sie widerlegt jedoch nicht den Erkenntniswert ihrer engagierten Forschung.

Was leistet die Erklärung des lebendigen Waldes?

Die Untersuchung macht nachvollziehbar, weshalb eine Erklärung wie Kawsak Sacha auch dann Bedeutung haben kann, wenn Rechte der Natur bereits in der Verfassung stehen.

Sie kann gemeinschaftliche Verständigung ermöglichen, bestehende Beziehungen ausdrücklich formulieren, interne Entscheidungen beeinflussen und gegenüber staatlichen Institutionen eine eigene Rechtsvorstellung artikulieren.

Allerdings sollten unterschiedliche Formen rechtlicher Wirkung auseinandergehalten werden.

Die eigene Normativität Sarayakus ist nicht mit einer zusätzlichen staatlichen Anerkennung gleichzusetzen. Ebenso wenig lässt sich allein aus der Existenz der Erklärung ableiten, welche ökologischen Veränderungen unmittelbar auf sie zurückzuführen sind.

Das ist kein Einwand gegen die rechtsanthropologische Untersuchung. García Ruales legt keine kontrollierte ökologische Wirkungsstudie vor und beansprucht auch nicht, eine solche zu ersetzen. Sie untersucht die Wirksamkeit im Zusammenhang mit Rechtspraktiken, gemeinschaftlicher Vermittlung und Veränderungen. Dabei betont sie selbst, dass die Folgen nicht immer eindeutig dem staatlichen Recht oder Kawsak Sacha zugerechnet werden können (S. 365–369).

Ein kritischer Prüfpunkt bleibt die Unterscheidung zwischen rechtlicher Normativität und anderen Bedeutungen gelebter Praxis: Wenn ein Kanu, ein Fest oder eine Federkrone als Ausdruck von Recht interpretiert wird, muss nachvollziehbar sein, welche konkrete Verpflichtung, Autorität oder Form der Konfliktbearbeitung damit verbunden ist. Das setzt weder staatliche Anerkennung noch schriftliche Normen voraus. Es ist eine Frage an die theoretische Herleitung, nicht an die Legitimität der Rechtsordnung Sarayakus.

Für die weitere rechtliche und institutionelle Diskussion bleibt die Unterscheidung dennoch wichtig: Welche Regeln bestehen? Wer erkennt sie an? Wie werden sie praktiziert? Und welche Folgen lassen sich bestimmten rechtlichen Entscheidungen tatsächlich zurechnen?

Was bedeutet das für die Rechte der Natur in Europa?

Die Übertragung indigener Rechtsvorstellungen auf europäische Verhältnisse ist weder einfach noch voraussetzungslos möglich. García Ruales, die selbst an der Übertragung von Rechten der Natur nach Europa mitarbeitet, beschreibt sie mit dem Bild einer Pfropfung: Es entsteht etwas Neues, keine Kopie.

Sarayakus Rechtsordnung ist eng mit seiner Geschichte, seiner Selbstregierung, seinen kulturellen Praktiken und seinen Beziehungen zum Amazonaswald verbunden.

Diese Voraussetzungen lassen sich nicht durch die Einrichtung eines Vertretungsorgans oder die Einführung einer neuen juristischen Kategorie ersetzen.

Gerade deshalb ist das Buch für die europäische Diskussion wichtig.

Nach meiner Beobachtung konzentriert sich die Debatte über Rechte der Natur in Europa häufig auf Fragen der Rechtsträgerschaft, der Rechtspersönlichkeit, der gesetzlichen Anerkennung und der gerichtlichen Durchsetzbarkeit.

Das sind notwendige Fragen. Sie erfassen aber nicht automatisch, wie eine Rechtsordnung im Verhältnis zu einem konkreten natürlichen System entsteht und wirksam wird.

Aus der Perspektive der Systemischen Rechtsentwicklung ergeben sich deshalb weiterführende Fragen:

  • Wie können die Eigenrechte natürlicher Systeme materiell bestimmt und geachtet werden, wenn sich ihr Gehalt – wie in Sarayaku – nicht allein aus einem Rechtstext, sondern auch aus Beziehungen, Wissen und Praxis ergibt?
  • Welche Beziehungen, Kenntnisse und Entscheidungsprozesse müssen bei ihrer rechtlichen Anerkennung berücksichtigt werden?
  • Wie lassen sich menschliche Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten so gestalten, dass die Natur nicht erneut auf ein bloßes Objekt menschlicher Interessen reduziert wird?
  • Wie können Konflikte zwischen bestehenden Nutzungsansprüchen, gesellschaftlichen Interessen und den Eigenrechten natürlicher Systeme bearbeitet werden?

Diese Fragen sind keine Thesen, die García Ruales für Europa formuliert. Sie entstehen aus der Auseinandersetzung mit ihrer Forschung. Auch der Begriff des „natürlichen Systems“ ist einer der Systemischen Rechtsentwicklung, nicht Sarayakus: Kawsak Sacha umfasst Waldwesen, die sich in ihm nicht vollständig abbilden.

Für die Systemische Rechtsentwicklung folgt daraus vor allem eine methodische Konsequenz: Beobachtete Praxis, beanspruchte Regel, ihre Autorität und Belege für ihre Umsetzung und Wirkung sind getrennt zu prüfen. Eine mündlich überlieferte Regel ist nicht schon deshalb nachrangig, weil sie nicht schriftlich vorliegt. Und fehlende Belege für ihre Befolgung sind noch kein Nachweis eines Defizits.

Die entscheidende Lehre liegt daher nicht in der Übernahme eines fertigen Modells, sondern in der Bereitschaft, die eigenen Voraussetzungen des Rechts kritisch zu untersuchen.

Fazit: Eine Erweiterung unseres Rechtsverständnisses

Living Forest Constitutionalism ist ein anspruchsvolles und wichtiges Buch für alle, die sich wissenschaftlich oder praktisch mit den Rechten der Natur beschäftigen.

Sein besonderer Erkenntniswert liegt darin, Recht nicht ausschließlich als staatlich gesetzte Ordnung zu betrachten. García Ruales erschließt eine Perspektive, in der gemeinschaftliche Rechtsgestaltung, Beziehungen zu Waldwesen, soziale Konflikte und rechtliche Normativität miteinander verflochten sind.

Die Untersuchung beantwortet nicht alle Fragen nach rechtlicher Verbindlichkeit, institutioneller Anerkennung oder konkreten ökologischen Wirkungen. Sie zeigt aber, weshalb solche Fragen nicht vorschnell auf staatliche Verfahren und menschliche Vertretungsstrukturen reduziert werden sollten.

Für die Systemische Rechtsentwicklung ergibt sich daraus eine grundlegende Herausforderung:

Wenn die Natur eigene Rechte besitzt, müssen wir nicht nur fragen, wie Menschen diese Rechte anerkennen und vertreten können. Wir müssen auch untersuchen, welche Bedeutung die Beziehungen innerhalb lebendiger natürlicher Systeme für die Entwicklung und Gestaltung des Rechts selbst haben.

Darin liegt die besondere Anregung dieses Buches.

Buchangaben

Jenny García Ruales (2026): Living Forest Constitutionalism: Indigenous Jurisprudence and Rights of Nature in the Ecuadorian Amazon. Bielefeld: transcript (Reihe Culture and Social Practice). Open Access, CC BY 4.0.

DOI: doi.org/10.14361/9783839478523

Die Buchbesprechung beruht auf der Lektüre der gesamten Monografie und einer gesonderten kritischen Prüfung ihrer zentralen Argumentation. Die Darstellung der Autorin, die Aussagen aus Sarayaku und die daraus entwickelten Überlegungen zur Systemischen Rechtsentwicklung sind voneinander zu unterscheiden.

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